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Musikbogen
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Der Musikbogen (englisch musical bow) ist ein einfaches Saiteninstrument, bei dem eine oder mehrere Saiten zwischen den Enden eines biegsamen und gebogenen SaitentrĂ€gers gespannt sind. Die Saitenspannung wird durch die Biegekraft des meist dĂŒnnen und langen TrĂ€gerstabes erzeugt. Verlaufen dagegen eine oder mehrere vorgespannte Saiten parallel zu einem starren TrĂ€ger, so wird das Musikinstrument Musikstab (englisch stick zither, französisch cithare sur bĂąton) genannt. Die beiden in EinzelfĂ€llen schwer abgrenzbaren Formen bilden zusammen die Gruppe der Stabzithern. Der meist aus einem natĂŒrlichen Hohlkörper wie einer Kalebasse bestehende Resonanzkörper muss zur SchwingungsĂŒbertragung und SchallverstĂ€rkung mit dem Stab in Kontakt gebracht werden. Die Sonderform eines Musikbogens ohne Resonanzkörper, bei dem zur SchallverstĂ€rkung und Klangmodulation der Mundraum des Spielers dient, wird Mundbogen genannt.

FĂŒr das sich hĂ€ufig nicht von einem Jagdbogen unterscheidende Instrument existieren eine enorme Vielfalt an unterschiedlichen Spieltechniken. Die Saite kann mit den Fingern gezupft, mit einem StĂ€bchen geschlagen oder entlanggestrichen, mit dem Mund angeblasen oder mit einem zweiten Saitenbogen gestrichen werden.

Musikbögen sind oder waren in weiten Gebieten von Afrika, Asien ohne Nordasien, Europa und auf den beiden amerikanischen Kontinenten verbreitet. In Australien und Mikronesien sind sie unbekannt. Heute liegt ihr Schwerpunkt in Afrika sĂŒdlich der Sahara, besonders im kulturellen Einflussbereich der Khoisan im sĂŒdlichen Afrika.

Contents

‱ Afrika
‱ Khoisan
‱ Ozeanien
‱ Europa
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Ursprung und Entwicklung

Eine ungefĂ€hr 15.000 Jahre alte Höhlenzeichnung in der Drei-BrĂŒder-Höhle in Frankreich zeigt möglicherweise einen Mundbogen spielenden TĂ€nzer. Zu sehen ist der Umriss eines bekleideten Mannes mit einem kleinen Bogen in der NĂ€he seines Mundes. Da die Umzeichnung zu einer Szene von vielen sich teilweise ĂŒberlagernden Figuren gehört, könnte der Bogen mit der einen Figur nichts zu tun haben.cite-ref-1[1] Andere prĂ€historische Felszeichnungen bieten Interpretationsspielraum bei der Frage, ob es sich bei den dargestellten Bögen um Jagdwaffen oder Musikinstrumente handelte. Ebenso könnte die kreisrunde Scheibe in der Hand eines eisenzeitlichen Reiters in Skandinavien, der mit einem Stock in der anderen Hand abgebildet ist, ein Kampfschild oder ein Becken gewesen sein.

Homer erwĂ€hnte im 9. Jahrhundert v. Chr. in seinen Epen Ilias und Odyssee den Ohren schmeichelnden Klang der Bogensehne. Nach der römischen Mythologie soll die Jagdgöttin Diana mit dem Bogen ihren Bruder Apollon, den Gott der KĂŒnste und insbesondere der Musik, zum Bau der Leier Kithara angeregt haben.

Der Musikbogen ist das am einfachsten zu konstruierende Saiteninstrument. Die Erfindung des Jagdbogens bildete die wirtschaftliche Grundlage fĂŒr die Ausbreitung der JĂ€ger-und-Sammler-Kulturen. Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Fachdiskussionen, ob bei der Evolution der Menschen zuerst der Bogen als Jagd- oder als Musikinstrument entwickelt worden sei. Da beide Nutzungsmöglichkeiten sich auf dasselbe Instrument beziehen, wird diese Frage heute nicht mehr gestellt. Manche Bögen werden nacheinander zur Jagd und zum Musizieren verwendet. Das KĂŒrzen der Saite beim Musikbogenspiel fĂŒhrte zwangslĂ€ufig zur Entdeckung tonaler Ordnungen und dem gezielten Hervorbringen einzelner Töne aus der natĂŒrlichen Partialtonreihe. Ein weiterer Entwicklungssprung war die Erfindung des angelegten Resonators.cite-ref-2[2] In den Zusammenhang mit der Jagd und an den entwicklungsgeschichtlichen Beginn der Saiteninstrumente wird auch ein anderer einfacher Instrumententyp gestellt: Der Erdbogen, dessen Resonanzkörper ein Erdloch bildet, entspricht strukturell einer Tierfalle.

Wegen der sich durch MaterialermĂŒdung und KlimaeinflĂŒsse verĂ€ndernden ElastizitĂ€t des Bogenstabs ist die Tonhöhe Schwankungen unterworfen. Eine Weiterentwicklung des Musikbogens bedeuten die mit Vorspannung parallel zu einem geraden Stab befestigten Saiten. Bei diesen Stabzithern oder MusikstĂ€ben lassen sich die Saiten wesentlich straffer spannen. Damit aber die Saiten frei schwingen können, mĂŒssen ein oder zwei Abstandshalter als Stege unterlegt werden. Der gerade SaitentrĂ€ger wirkt wie der gebogene Stab des Musikbogens prinzipiell nicht schallverstĂ€rkend. Mit diesem Unterscheidungsmerkmal wird die Abgrenzung vom nur Halt gebenden Stab zum resonanzverstĂ€rkenden ausgehöhlten TrĂ€ger einer Röhrenzither in der Praxis oft schwierig. Die einfachsten Röhrenzithern sind idioglotte Instrumente, bei denen die Saiten aus der Röhre selbst herausgeschnitten wurden, also aus demselben Material bestehen (die Bambuszithern valiha aus Madagaskar und sasando aus Indonesien). Röhrenzithern mit aufgespannten (heteroglotten) Saiten entsprechen im Prinzip heutigen Kastenzithern.

Einen Musikbogen auf andere Art weiterzuentwickeln war, den elastischen Bogenstab kĂŒrzer und dicker zu gestalten, damit er sich nicht mehr verformen konnte, stĂ€rker zu krĂŒmmen und den Stab an einem Ende direkt mit einem Resonanzkörper zu verbinden. Nunmehr war es möglich, mehrere Saiten anzubringen und unabhĂ€ngig voneinander zu spannen. Die Ă€ltesten bekannten Saiteninstrumente in Mesopotamien sind solcherart konstruierte dreisaitige Harfen, die zusammen mit Leiern auf Tontafeln aus dem Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. zu sehen sind. Die ersten Bogenharfen im Alten Ägypten tauchten um die Mitte des 3. Jahrtausends auf Wandbildern und als Grabbeigaben auf.

Laut der auf Sanskrit verfassten vedischen Literatur waren die ersten Saiteninstrumente in Indien Musikbögen (Mundbögen), die unter anderem pinaki vina oder picchora vina genannt wurden.cite-ref-3[3] In der mittelalterlichen Sanskrit-Literatur ist Pinaki ein Beiname des obersten Gottes Shiva, wenn er als BogenschĂŒtze mit seinem mĂ€chtigen Bogen pinaki auftritt.cite-ref-4[4] Vina war der allgemeine Begriff fĂŒr Saiteninstrumente und bezeichnet heute verschiedene Arten von nord- und sĂŒdindischen Langhalslauten und Röhrenzithern. Der Entwicklungsgang vom Musikbogen bis dorthin entspricht den genannten zwei grundsĂ€tzlichen Richtungen. Die gerade Zither aus einem Holzstab nahm die Rudra vina genannte Form einer Bambusröhrenzither an, wie sie erstmals im 7. Jahrhundert auf indischen Tempelreliefs auftaucht. Um diese Zeit verschwanden bereits die indischen Bogenharfen, die seit dem 2. Jahrhundert an Tempeln abgebildet waren. Die altindische Bogenharfe ĂŒberlebt allein in der burmesischen saung gauk und in der sehr seltenen bin-baja in Zentralindien. Die praktisch einzige vergleichbare Bogenharfe in Afrika ist die ugandische ennanga. Neben dieser generellen Entwicklung ist die pinaki vina in der mittelalterlichen Literatur ein Musikbogen, dessen Saite mit einem Pferdehaarbogen gestrichen wird. Auf Abbildungen aus dem 18. Jahrhundert erscheint in Nordindien die pinak als gestrichener Musikbogen mit zwei Kalebassenresonatoren wie bei der Röhrenzither Rudra vina.cite-ref-5[5]

Bauformen und Spielweisen

Musikbögen lassen sich nach den außerkulturellen (etischen) Kriterien der Hornbostel-Sachs-Systematik in solche mit Resonator und Mundbögen ohne Resonator einteilen. Bei letzteren dient der an den Bogenstab oder an die Saite gehaltene Mundraum zur SchallverstĂ€rkung und Klangmodulation. Der meist aus einer Kalebasse, der Steinschale einer Kokosnuss oder einer anderen harten Fruchtschale bestehende Resonator kann mit dem Bogenstab an einer beliebigen Stelle fest verbunden sein. Unverbundene SchallverstĂ€rker werden vom Spieler zwischen den Fingern auf Kontakt mit dem Stab gehalten oder hĂ€ufig zwischen Stab und Oberkörper gepresst.

Eine fĂŒr alle drei Bauformen weitere Unterteilung stellt fest, ob eine Stimmschlinge vorhanden ist oder nicht. Die Stimmschlinge ist ein kurzes StĂŒck Schnur, das bei vielen Musikbögen die Saite etwas außerhalb ihrer Mitte oder seltener in der NĂ€he des Randes umfasst und in Richtung des Bogenstabes heranzieht. Sie wird meist so positioniert, dass sich durch die Saitenteilung zwei Fundamentaltöne im Abstand zwischen einer Sekunde und einer Quarte, seltener bis zu einer Oktave ergeben.

Zwischen den Bogenenden können auch mehrere Saiten parallel oder in einem anderen Winkel zueinander gespannt sein. In Ostafrika gibt es mehrsaitige, stark gekrĂŒmmte Musikbögen, deren Saitenschnur Z-förmig zwischen beiden Seiten verlĂ€uft. Solche Instrumente werden manchmal fĂ€lschlich als „Harfe“ oder „Zither“ bezeichnet. Der Resonator ist hier ĂŒblicherweise in der Mitte des Bogenstabes befestigt.

Eine besondere Form eines mehrsaitigen Musikbogens ist der Pluriarc, der wie eine halbgeöffnete Hand aussieht. Bei diesem auch als Bogenlaute klassifizierbaren Instrument, das sĂŒdlich der Sahara vorkommt, gehen von einem Resonanzkörper mehrere gebogene StĂ€be aus, an denen jeweils eine Saite befestigt ist.cite-ref-6[6] Sehr seltene Vertreter dieses Instrumententyps in Suriname (agwado) und Brasilien gehen auf afrikanischen Einfluss zurĂŒck.

Wird eine Saite angeregt, so schwingt sie in ganzer LĂ€nge auf dem Grundton und nach der an einem Monochord zu demonstrierenden physikalischen GesetzmĂ€ĂŸigkeit in halber LĂ€nge eine Oktave, auf ein Drittel verkĂŒrzt eine weitere Quinte ĂŒber dem Grundton, auf ein Viertel verkĂŒrzt in der zweiten Oktave, auf ein FĂŒnftel verkĂŒrzt eine große Terz und auf ein Sechstel verkĂŒrzt eine Oktave ĂŒber der Quinte. Von diesen Obertönen ist die erste Oktave am besten zu hören, bei vielen Musikbögen ist hingegen der Grundton nur schlecht hörbar zu machen. Der Musiker kann die einzelnen Obertöne durch unterschiedliche Spieltechniken herausfiltern und verstĂ€rken. Einzelne Obertöne lassen sich beim Mundbogen durch entsprechende Formung des Mundraums hervorrufen, bei Kalebassenbögen geschieht dies durch die Position der Kalebasse, deren Öffnung in unterschiedliche NĂ€he an den Oberkörper gehalten wird. Bei einem angenommenen Grundton F ergibt sich mit den Intervallen große Terz und Quinte die Tonfolge F–A–C. Benötigt der Spieler eine andere Tonfolge, kann er die Saite am Ende um einen Halbton oder einen Ganzton verkĂŒrzen. VerkĂŒrzt er um einen Ganzton, erhĂ€lt er in diesem Fall den Grundton G und die Tonfolge G–B–D. Indem er abwechselnd die Saite verkĂŒrzt und den Finger wieder abhebt, also die TonalitĂ€t Ă€ndert, kann er die Töne F–G–A–B–C–D hervorbringen.

Die Spieltechniken sind beim Musikbogen derart zahlreich und vielfĂ€ltig, dass sich nur die verbreitetsten Varianten aufzĂ€hlen lassen. Der Mundbogenspieler umfasst mit seinen Lippen, aber nicht mit den ZĂ€hnen, an einer beliebigen Stelle den Bogenstab, die Saite oder fĂŒhrt das Ende des Stabes in den Mund. Die Saite wird durch gleichmĂ€ĂŸige rhythmische SchlĂ€ge mit einem StĂ€bchen oder durch Fingerzupfen angeregt. Schrapbögen besitzen eine geriffelte OberflĂ€che, ĂŒber die mit einem Stab gestrichen wird. Manche Musikbögen werden mit einem zweiten Bogen gestrichen, außerdem kann die Saite mit einem Stab aus Holz oder PflanzenstĂ€ngeln gerieben werden. Mit Tierhaaren bespannte Streichbögen dĂŒrften im sĂŒdlichen Afrika auf europĂ€ische EinflĂŒsse zurĂŒckgehen. Dort werden sie bei den vermutlich von Mundbögen abgeleiteten einsaitigen Trogzithern serankure und isankuni verwendet.

Afrika

Der hollĂ€ndische Entdeckungsreisende Jan Huygen van Linschoten (1563–1611) publizierte 1596 einen Reisebericht, der eine der ersten Bildquellen zur afrikanischen Musik enthĂ€lt. Der Kupferstich zeigt eine wohl als typisch gedachte Landschaft mit bergigem Hintergrund, die laut Bildunterschrift im Bereich der mosambikanischen KĂŒste verortet werden kann. Einer der dargestellten MĂ€nner spielt einen Mundbogen. Den Details lĂ€sst sich entnehmen, dass die Saite etwa in der Mitte durch eine Schlinge in zwei Teile geteilt war und der Spieler den Bogenstab und nicht die Saite an den Mund fĂŒhrte. Zur Interpretation des Bildes gehört, dass der Mundbogen mit einem StĂ€bchen angeschlagen wurde und vermutlich der VorlĂ€ufer des heutigen, in der Sprache der Chopi im SĂŒden Mosambiks chipendani genannten Mundbogens war. Der chipendani-Mundbogentyp besitzt einen breit ausgeschnitzten und reichlich mit geometrischen Mustern verzierten Bogen und kommt außer im SĂŒden mit variierenden Namen auch im Landesinnern nach Norden bis in die Tete-Provinz vor.cite-ref-7[7]

Jagdbögen, die zugleich als Musikbögen (longombe) verwendet wurden, gab es bei den Nkundo im Westen des Kongo. Sie schossen damit auf Vögel, Affen und andere KleinsĂ€ugetiere. Die Sandawe in Zentral-Tansania benutzten neben einer der inanga Ă€hnlichen Trogzither den Jagdbogen rumbarumba ebenfalls zur Gesangsbegleitung. Besonders alte Jagdbögen, die nicht mehr flexibel genug oder sonst wie fĂŒr die Jagd unbrauchbar waren, dienten zum Musizieren. Auf der anderen Seite der bautechnischen Bandbreite steht der von den Konjo in Uganda nur zum Musizieren hergestellte Bogen enzenze (auch enzenzya) mit festem Kalebassenresonator, dessen flach gekrĂŒmmter Stab den Übergang zur Stabzither markiert. Das Instrument besitzt wie ein Ă€hnliches aus dem Kongo am festen Bogenstab herausgearbeitete Erhöhungen, die als BĂŒnde zu greifen sind, wobei mehrere Tonhöhen hervorgebracht werden.cite-ref-8[8] In Ruanda und Burundi verfĂŒgt der umuduri ĂŒber einen mit der Stimmschlinge in Bogenmitte befestigten großen Kalebassenresonator, dessen Öffnung beim Spiel im Stehen gegen die Brust gepresst wird.cite-ref-9[9]

Die BogenkrĂŒmmung reicht von beinahe U-förmig, wie beim großen Musikbogen der G'bakka in der Zentralafrikanischen Republik, bis zu dem fast geraden Mundbogen mtyangala aus einem Bambusrohr, der von den Tumbuka im Norden von Malawi nur von Frauen gespielt wird. Derselbe Mundbogentyp heißt in Malawi auch nkangala. Er wurde im 19. Jahrhundert aus SĂŒdafrika eingefĂŒhrt, wo er bei den Zulu und Xhosa unter dem Namen umqangala bekannt ist. Bei den sĂŒdafrikanischen Pedi gehört der entsprechende lekope zu den Musikinstrumenten der Frauen.

Als Material fĂŒr die Saiten dienen beim sagaya-Mundbogen in SĂŒdwestangola gedrehte Tierhautstreifen, in SĂŒdafrika beim ugubhu-Kalebassenbogen, der von den Zulu gespielt wird, gedrehte Kuhschwanzhaare, und beim Kha:s-Mundbogen der Griqua (Korana) die RĂŒckensehnen von Ochsen. Andere Saiten bestehen aus pflanzlichen Materialien. Zum Stimmen ist immer ein Saitenende fest angebunden, das andere abnehmbar um den Bogenstab gewickelt.cite-ref-10[10]

Beim Xhosa-Mundbogen umrhubhe wird mit einem angerauhten Stab ĂŒber die Saite gestrichen, wĂ€hrend die Saite an den Mund gehalten wird. Der umrhubhe ist erwĂ€hnenswert, weil bei ihm der erste Oberton gegenĂŒber dem kaum hörbaren Grundton dominiert und die Xhosa-Musikerinnen zusĂ€tzlich zu den von der Saite verstĂ€rkten Obertönen teilweise als zweite Melodie einen FlĂŒsterton erzeugen.cite-ref-wegner-1984-s-26-11-0[11] Frauenchöre gleichen ihren mehrstimmigen Gesang den Obertönen dieses Instruments an.

Eine indirekte Tonerzeugung charakterisiert den in SĂŒdafrika von den Khoisan gespielten Mundbogen gora,cite-ref-12[12] dessen Saite ĂŒber einen Federkiel angeregt wird. Die erste eingehende Beschreibung des Instruments stammt von Peter Kolb (1675–1726), einem Naturforscher, der sich von 1705 bis 1713 in SĂŒdafrika aufhielt. Durch abwechselndes Anblasen der Kante und starkes Einatmen wird die Feder entsprechend einer Lamelle in Schwingungen versetzt, die durch BerĂŒhrungskontakt auf die Saite und zugleich zurĂŒck in den Mundraum ĂŒbertragen werden. Der gora entstand unter den Khoisan als Unterhaltungsinstrument der Rinderhirten und wurde von den Batswana, einer Rinder zĂŒchtenden Bantu-Ethnie, unter dem Namen lesiba („Feder“) ĂŒbernommen. In den 1930er Jahren fand Percival R. Kirby den gora in weiten Teilen SĂŒdafrikas unter ViehzĂŒchtern verbreitet.cite-ref-13[13] Er ist noch heute besonders in Lesotho beliebt. Nach demselben Prinzip funktionieren ostasiatische Drachenbögen.cite-ref-14[14]

In den 1950er Jahren stand der mit einem Stab geschlagene Kalebassen-Musikbogen kalumbu in Simbabwe noch fĂŒr eine eigene Liedgattungcite-ref-15[15] – neben den kalimba-Liedern des gleichnamigen Lamellophons; er wird heute wie viele andere Musikbögen von der Gitarre ersetzt.

Lobi-Musiker im westafrikanischen Burkina Faso können mit dem Mundbogen kankarama die verschiedenen Tonhöhen der Sprache imitieren und einfache Botschaften ĂŒbermitteln.cite-ref-16[16] Bis Anfang der 1960er Jahre spielten die Lobi ihren mit einer Pflanzenfaser bespannten Mundbogen nur von August bis Ende Oktober, weil in dieser Zeit der Hirsehalm auf den Feldern verfĂŒgbar war, der zum Anschlagen der Saite benötigt wird. Heute spielen meist jugendliche Musiker den kankarama von einer rhythmisch geschlagenen Flasche begleitet ganzjĂ€hrig zur Unterhaltung.cite-ref-17[17]

Der Musikbogen umakhweyane mit einer etwa mittig angebrachten Kalebasse ist 1,5 bis 2 Meter lang, besitzt eine Drahtsaite, die mit einem dĂŒnnen Stab geschlagen wird, und eine Stimmschlinge. Percival Kirby (1934)cite-ref-18[18] fand ihn in SĂŒdafrika bei den Swazi und Zulu verbreitet. Er entspricht dem dende der Venda und dem sekgapa der Pedi. Die Zulu Ă€ndern bei ihrem Kalebassen-Musikbogen ugubhu die TonalitĂ€t, indem sie die Saite fĂŒr einen um einen Halbton höheren zweiten Grundton verkĂŒrzen, wĂ€hrend die Xhosa stets einen um einen Ganzton höheren zweiten Grundton greifen.cite-ref-19[19]

Khoisan

Weltweit die grĂ¶ĂŸte Vielfalt an Musikbögen haben die Khoisan im sĂŒdwestlichen Afrika entwickelt. Die Frauen der Nama in Namibia spielen den einsaitigen Musikbogen khas, den sie gegen die rechte Schulter drĂŒcken, wĂ€hrend sie mit ihrem Kinn die Saite berĂŒhren, um einen zweiten Grundton zu erzeugen. Das Nama-Wort khas ist eine weibliche Form und bedeutet sowohl Musik- als auch Jagdbogen. Im Nordwesten Namibias ist der mit zwei Drahtsaiten ausgestattete Musikbogen ǃgomakhascite-ref-20[20] bekannt. Die höher gestimmte Saite gilt als weiblich und produziert Resonanzschwingungen fĂŒr die angezupfte tiefere (mĂ€nnliche) Saite.

In Angola ist teilweise ein musikalischer Einfluss der nomadischen ǃKung-Tradition auf die benachbarten bantusprachigen Bevölkerungsgruppen feststellbar. Im SĂŒdosten des Landes zĂ€hlte Gerhard Kubik 1965 vier Formen von Musikbögen, deren Herkunft einem Stamm der ǃKung zugeschrieben wurde, wĂ€hrend nur der kawayawaya genannte Schrapbogen eine Bantu-Tradition besaß. Ansonsten besaßen die dortigen Bantu keine Saiteninstrumente, wĂ€hrend in SĂŒdwestangola ein auch als Mundbogen verwendeter Jagdbogen, ein Kalebassenbogen mit befestigtem Resonator (embulumbumba) und der Pluriarc cihumba gespielt wurde. Letzterer wurde so gehalten, dass die Bogenenden weg vom Körper wiesen.cite-ref-21[21]

Die Juǀʌhoansi-Sprachgruppe der ǃKung im Nordosten Namibias verwendet zur Liedbegleitung alle bekannten Bauformen von Musikbögen: den Mundbogen nǃaoh tzĂ­sĂŹ (es gibt auch eine gleichlautende einsaitige Stabzither), den Resonatorbogen gǃomah tzĂ­sĂŹ, den Schrapbogen aĂŹhn tzĂ­sĂŹ, die viersaitige Bogenlaute oq’àcĂš tzĂ­sĂŹ und die fĂŒnfsaitige Bogenlaute gĂĄukace tzĂ­sĂŹ. Die mit diesen Instrumenten gespielten Lieder kĂŒnden von einer erfolgreichen Jagd, der Geburt eines Kindes, wirken bei Initiationszeremonien oder dienen nur zur Unterhaltung.cite-ref-22[22]

Mundbogen

Der am meisten gespielte Jagdbogen besitzt eine Schnurschlinge, welche die Saite in der Mitte so teilt, dass zwei tiefe Fundamentaltöne entstehen, deren Differenz ungefĂ€hr einen Ganzton betrĂ€gt. In der sĂŒdwestangolanischen Provinz HuĂ­la heißt das Instrument bei ǃKung und Bantusprechern onkhonji (auch ohonji, sagaya, sagaia). In der Region Kwandu-Kuvangu nennen die ǃKung den Mundbogen nǀka. Der Bogen ist etwas ĂŒber einen Meter lang, er wird mit der linken Hand mittig gefasst und schrĂ€g nach links unten vom Körper weg gehalten. Der Spieler steckt das obere Ende weit in seinen Mund, sodass die rechte Wange nach außen gedrĂŒckt wird. Durch VerĂ€nderung des Mundraums kann er mehrere Obertöne verstĂ€rken. Der kĂŒrzere Saitenabschnitt liegt nĂ€her am Mund.

Die abwechselnde Verwendung als Jagd- und Musikbogen hat sich bei den ǃKung und einigen ihrer Nachbarn im Gebiet der Kalahari bis heute erhalten. Eine andere Technik der ǃKung, den Mundbogen zu spielen ist, den RĂŒcken des Bogens etwa in seiner Mitte an den Mund zu nehmen. Die Oberlippe liegt fest am Bogenstab, mit der Unterlippe fĂŒhrt der Musiker Bewegungen aus, als ob er sprechen wĂŒrde. Hierbei erzeugt er zusĂ€tzliche GerĂ€uschlaute. Die Saite besteht aus einem gedrehten Tierhautstreifen, der an den Stabenden festgewickelt wird. Die Stimmschlinge ist nahe der Bogenmitte angebracht. Über die beiden, um einen Ganzton verschiedenen Fundamentaltöne kann der Spieler durch entsprechende Formung des Mundraums maximal den sechsten Oberton des unteren und den fĂŒnften Oberton des höheren Fundamentaltons selektiv verstĂ€rken. In der Praxis verstĂ€rkt er durch Mundstellungen, mit denen sich die Vokale a, e und o bilden lassen, Obertöne bis zum vierten Teilton. Zum Schlagen verwendet der Spieler einen dĂŒnnen Lederstab.cite-ref-23[23]

Resonatorbogen

Bei Musikbögen mit Resonator wird die Schale der zu den BrechnĂŒssen gehörenden Gattung Strychnos spinosa (lokaler Name likolo, Pl. makolo) an die Außenseite des Bogens angelegt. Der Spieler hĂ€lt den Bogen diagonal vor seinem Körper und drĂŒckt die Öffnung des mittig angebrachten Resonators gegen seine Brust. Der von den ǃKung nǁkau genannte Musikbogen mit lose angelegter Fruchtschale derselben Pflanze wird wie der nǀka mit einem Lederstab geschlagen. Auch dieses Instrument ist durch FunktionsĂ€nderung aus einem Jagdbogen entstanden. Dennoch sieht Kubik beim nǁkau mit angelegtem Resonator und beim hungu, dessen Resonator mit der Schlinge befestigt ist, eine unabhĂ€ngige Entwicklung. Der von den Ambundu in Luanda hungu genannte Kalebassenbogen Ă€hnelt dem mbulumbumba der Himba im SĂŒdwesten von Angola und dem cimbulumbumba an der Ostgrenze des Landes. Diese Musikbögen sind eine Entwicklung der Bantu. Der Kalebassenbogen hungu gelangte möglicherweise aus der Provinz HuĂ­la wĂ€hrend der portugiesischen Kolonialzeit im 18. Jahrhundert mit verschleppten Sklaven nach Luanda. Bei beiden Arten von Musikbögen hĂ€lt der Spieler den Resonator mit der offenen Seite gegen seine Brust oder seinen Bauch. Je nach Abstand der Kalebasse Ă€ndert sich die Klangfarbe; rhythmisches AnnĂ€hern und Entfernen erzeugt feine schwankende ObertonverĂ€nderungen. Ähnliche Klangeffekte durch VerĂ€ndern des Abstands zwischen Resonatoröffnung und Untergrund werden auch bei der kamerunischen Kerbstegzither mvet, bei einigen Lamellophonen und außerhalb Afrikas bei der jemenitischen Stieltrommel áčŁaáž„fa erzielt. Dieselbe Art der Klangmodulation wurde ferner bei einem Ende des 1. Jahrtausends n. Chr. verschwundenen Typ der indischen Stabzither vina praktiziert. Heutige Nachkommen dieser vina sind die einsaitige indische tuila, die einsaitige kambodschanische kse diev und die mehrsaitige nordthailĂ€ndische Stabzither phin phia. Die Bewegungen erfolgen nach einem genauen zeitlichen Muster und ergeben einen zum melodischen Rhythmus hinzutretenden und mit ihm kontrastierenden, fein strukturierenden Ablauf, der durch seine Tonhöhen- und Klangfarbenschwankungen ein insgesamt sehr komplexes musikalisches Ergebnis bewirkt.cite-ref-24[24]

Eine nach außerkulturellen Kriterien vorgenommene Einteilung der Musikinstrumente unterscheidet nicht, ob der Resonator an den Bogenstab angelegt oder mittels einer Schnur fest mit diesem verbunden wird. Der Unterschied ist nicht allein bautechnischer Natur, denn die kulturgeschichtliche Entwicklung beider Instrumententypen ist eine andere. Der beim nǁkau angelegte Resonator besteht aus der wildwachsenden Strychnos spinosa-Fruchtschale, die von den ǃKung entsprechend ihrer traditionellen JĂ€ger-und-Sammler-Wirtschaftsform gesammelt wird. Dagegen befestigen die Bantu-sprechenden Volksgruppen eine Kalebasse, die aus einem landwirtschaftlich angebauten, luftgetrockneten KĂŒrbis hergestellt wird. Wo der Musiker gelegentlich anstelle der Fruchtschale eine Konservendose an den Bogen hĂ€lt, zeigt sich der Kontakt mit der stĂ€dtischen Zivilisation.cite-ref-25[25]

Gruppenspielbogen

Die dritte Spielweise wird als „Gruppenspielbogen“ bezeichnet. Dabei fĂ€llt die Stimmschlinge weg, der Bogen wird von einem der drei bantusprachigen Spieler waagrecht mit der Saite nach oben auf einen großen, am Boden liegenden Resonator gesetzt. Der zweite Spieler schlĂ€gt mit zwei StĂ€bchen einen Rhythmus, wĂ€hrend ein anderer in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden mit einem KalebassenstĂŒck oder etwas Ähnlichem leicht die Saite berĂŒhrt, wodurch ein schnarrendes GerĂ€usch entsteht. Der dritte Spieler verkĂŒrzt an einer Ă€ußeren Stelle mit irgendeinem Gegenstand die Saite und erzeugt so einen um eine Quarte höheren Ton. Wegen seiner Positionierung kann dieser Jagdbogen auch als „einsaitige Erdzither“ bezeichnet werden.

Schrapbogen

Der Bantu-Schrapbogen kawayawaya mit seinem mittels der Stimmschlinge befestigten Resonator ist eine vom ǃKung-Musikbogen mit angelegtem Resonator unabhĂ€ngige Entwicklung. Dessen Saite bestand aus einem breiten Band aus PalmblĂ€ttern (Hyphaene coriacea, eine Gattung der Doumpalmen, lokaler Name mukulwane). Außer im sĂŒdlichen Angola war der Schrapbogen, bei dem der Bogenstab gerieben wird, auch bei den Valucazi am Oberlauf des Sambesi im Nordwesten von Sambia und in Mosambik bekannt. Diesen Bogen haben ausnahmsweise in den genannten Regionen die ǃKung von den Bantu ĂŒbernommen, die darauf sogar gelegentlich ihnen fremde Spielweisen praktizieren. Nahe der ostangolanischen Stadt Luau besaß der Schrapbogen kalyalya außer den Kerben an der OberflĂ€che einen lĂ€ngs verlaufenden Einschnitt in der Mitte, was ihm nach dem Prinzip der Schlitztrommel eine grĂ¶ĂŸere Resonanz verschaffte.

Der ǃKung-Schrapbogen nǃkali wurde aus einem elastischen feuchten Zweig an beiden Enden dĂŒnn ausgeschnitzt, sodass er in der Mitte flach und an den Enden stark gekrĂŒmmt war. Die Saite aus Palmfaser war an einem Ende fest umwickelt, am anderen lösbar befestigt, um den Grundton jederzeit nachstimmen zu können. Bei diesem ungeteilten Mundbogen fĂŒhrte der Spieler die Saite an den Mund, wĂ€hrend er den Bogen mit der linken Hand an seine linke Schulter drĂŒckte und mit dem Daumen die Saite leicht an der Seite berĂŒhrte, um einen höheren Fundamentalton zu erzeugen. Mit einem Stab in der rechten Hand rieb er zugleich an der geriffelten Stelle des Bogens entlang.cite-ref-26[26]

Es besteht eine bautechnische Verwandtschaft zwischen den angolanischen Schrapbögen und den Mundbögen der beiden Kongo-Republiken, deren Saiten ebenfalls aus FaserbĂ€ndern bestehen. Die Saiten der westzentralafrikanischen Mundbögen werden jedoch im Unterschied zu den angolanischen Schrapbögen angeschlagen. Der entsprechende Mundbogen in Gabun besitzt keine Schlinge; indem ein Stab an seine Saite angelegt wird, ergibt sich ein höherer Ton. In Gabun erzeugen Mitglieder der Bwiti-Kultgemeinschaft mit diesem mongongo genannten Mundbogen, der Bogenharfe ngombi, einem Bambusstampfer, verschiedenen Rasseln und hölzernen Idiophonen eine polyrhythmische Musik, der neben der Einnahme der Droge Iboga in ihrem Initiationsritual eine besondere Bedeutung zukommt.cite-ref-27[27] Der Mundbogen xizambi der Tsonga ist ein Schrapbogen, an dessen Reibestab zwei bis drei GefĂ€ĂŸrasseln befestigt sind, die zum permanent erklingenden Saitenton ein rhythmisches GerĂ€usch erzeugen.

Mehrsaitige afrikanische Musikbögen

Auf einen separaten Resonator aufgesetzte Musikbögen mit mehreren Saiten an einer Bogenstange gibt es bei den Bunyoro in Zentraluganda; bei den Haya (im Siedlungsgebiet des ehemaligen Reiches Buhaya westlich des Victoriasees) werden sie kinanga genannt. Der dreisaitige Musikbogen ekidongo der Nyambo ebendort besitzt unterschiedlich lange Arme und wird zur SchallverstĂ€rkung auf einen Blechkochtopf gestellt. Die Saiten bestehen aus gedrehter Sisalfaser, die an einem StĂŒck durchgezogen wird. Der Spieler reißt die obere Saite mit einem Holzplektrum an und verkĂŒrzt sie an zwei Stellen mit dem Kinn, die untere und mittlere Saite zupft er mit dem Daumen. Ein zweiter Spieler schlĂ€gt mit einem Stock auf dem Metalltopf einen Grundrhythmus.cite-ref-28[28]

Eine Weiterentwicklung des ekidongo in Richtung zu einer Bogenharfe mit einem feststehenden gebogenen Hals stellt der mehrsaitige Musikbogen adungu (auch adingili) der Acholi und Alur im Norden von Uganda dar.cite-ref-29[29] Die untere Saite des mehrsaitigen Musikbogens wird leer gezupft, die obere kann durch BerĂŒhrung mit dem Kinn verkĂŒrzt werden. Diese Technik, mit dem Kinn eine Saite zu verkĂŒrzen, ist auch bei einigen weiteren Musikbögen im Gebiet des Victoriasees bekannt. Der Tonvorrat der dreisaitigen Instrumente erhöht sich dadurch auf fĂŒnf.cite-ref-30[30] Die Bogenharfe adungu der Alur und anderer Ethnien in Norduganda wird heute mit zumeist neun Saiten und in unterschiedlichen GrĂ¶ĂŸen bis zu zwei Meter LĂ€nge gebaut.

Die Hamar im SĂŒdwesten von Äthiopien spielen einen dreisaitigen Mundbogen, dessen Saiten von einem Ausgangspunkt zu drei verschiedenen Enden eines bogenförmig, in der Form eines Geweihs gegabelten Astes verlaufen.cite-ref-wegner-1984-s-26-11-1[11]

Der Pluriarc (Bogenlaute) mit mehreren SaitentrĂ€gern und jeweils einer Saite kommt in drei voneinander getrennten Gebieten Afrikas vor: Die achtsaitige Bogenlaute cihumba in der HuĂ­la-Provinz im SĂŒdwesten Angolas geht auf die musikalische Tradition der Khoisan zurĂŒck. Ein Ă€hnliches Instrument im Osten Namibias und in Botswana mit fĂŒnf Saiten wird nur von Frauen gespielt. Der Pluriarc kahumba (okaxumba) bei den Ovambo in Namibia hat zwischen fĂŒnf und acht Saiten. Die zweite Verbreitungsregion des Pluriarc ist das westliche Zentralafrika. Dort besitzen die Ekonda im Westen des Kongo das sehr große, fĂŒnfsaitige Instrument lokombi (bei den Teke: lukombe). Die Fang in Gabun haben eine Bogenlaute gĂ€nzlich aus Raffia-Fasern entwickelt. Die dritte Region ist das sĂŒdwestliche Nigeria im Gebiet des alten Königreichs Benin. Dort begleiten sich GeschichtenerzĂ€hler auf der siebensaitigen Bogenlaute akpata. In Kamerun heißen sechssaitige Bogenlauten komĂš und paata.cite-ref-31[31]

Ozeanien

Ozeanien ist eines der Hauptverbreitungsgebiete fĂŒr mehrsaitige Stabzithern. In Neuseeland und auf Hawaii gibt es eine Tradition von zwei, drei und viersaitigen Mundbögen. In Melanesien waren Mundbögen weit verbreitet, Kalebassenbögen dagegen so gut wie unbekannt. In Polynesien waren Musikbögen selten, in Mikronesien fehlten sie ganz. Die traditionelle Musik der melanesischen Nukumanu-Inseln beschrĂ€nkt sich, wie fĂŒr die Region typisch, auf Gesang, der von Trommeln begleitet wird. Das einzige Melodieinstrument war der Musikbogen susupu.cite-ref-32[32] In den 1930er Jahren wurde auf Fatu Hiva, einer der sĂŒdlichen Marquesas-Inseln, noch der Mundbogen tita’apu gespielt. Hier gab es außerdem eine Bambusmundflöte, ein Rohrblattinstrument und eine Nasenflöte, die heute ebenfalls verschwunden sind. Der tita’apu war etwa 45 Zentimeter lang und wurde mit einem KokosschalenstĂŒck angezupft. 1920 wurde ein anderer, ein Meter langer Mundbogen als praktisch verschwunden erwĂ€hnt.cite-ref-33[33] Weitere Mundbögen waren der 60 Zentimeter lange kodili auf den Salomon-Inseln, ĂŒber dessen Bambusstab zwei Fasersaiten gespannt waren, und der etwas kĂŒrzere kigulu. Bei diesem Bambusstab fĂŒhrten die Saiten ĂŒber ein StĂŒck Holz an beiden Enden als Abstandhalter. Damit handelte es sich wohl um eine Stabzither.cite-ref-34[34]

In der Musik Neuguineas sind Mundbögen die einzigen Saiteninstrumente. Bei idiochorden Mundbögen (deren Saite und SaitentrĂ€ger aus demselben Material bestehen) wurde die Saite meist aus der Mittelrippe eines Sagoblattes herausgelöst. Am Mittellauf des Sepik in Papua-Neuguinea waren diese Instrumente bis zu zwei Meter lang. Um ein Ausreißen der Saiten zu vermeiden, wurden die Enden mit einer Faser umwickelt. Anders als bei einem Musikstab sind an den Enden keine kleinen Abstandshalter unter die Saite geschoben, stattdessen hebt ein Steg in der Mitte die Saite vom Stab ab und sorgt fĂŒr eine Saitenspannung, die den Stab leicht krĂŒmmt. Dort wurde die Saite in den Mund genommen, um die zwei mit einem Stöckchen erzeugten schwachen Töne etwas zu verstĂ€rken. Die Bauart ist mit den afrikanischen Stegzithern vom Typus der mvet verwandt.cite-ref-35[35]

Zu den wenigen bekannten heteroglotten Mundbögen gehören in der Southern Highlands Province von Papua-Neuguinea der zweisaitige, etwa im Terz-Abstand gestimmte Mundbogen gawa, der bei den Huli von beiden Geschlechtern gespielt wird. Frauen spielen einen 20 bis 30 Zentimeter langen, MĂ€nner einen etwa 50 Zentimeter langen, asymmetrisch gekrĂŒmmten Mundbogen.cite-ref-36[36] Beim benachbarten Volk der Duli steht die Bezeichnung alima sowohl fĂŒr Musikinstrumente allgemein als auch fĂŒr einen dem gawa entsprechenden kleinen Mundbogen. Ein gebogener Zweig wird von zwei Saiten aus Pflanzenfasern, heute auch aus Nylon, in Form gehalten. Der Bogen wird mit dem oberen Ende in den Mund gefĂŒhrt und am unteren Ende mit der linken Hand gehalten. Mit dem Daumen dieser Hand verkĂŒrzt der Spieler stets nur die innere Saite. Zusammen mit der Ă€ußeren, leer mit einem Stab in der rechten Hand geschlagenen Saite ergeben sich drei Grundtöne. Auch dieses Instrument darf von Frauen gespielt werden.cite-ref-37[37]

Auf den melanesischen Inseln östlich Neuguineas waren einige Àhnliche Mundbögen verbreitet. Eine Besonderheit stellte auf der Gazelle-Halbinsel von Neubritannien ein Mundbogen mit Stimmschlinge in der Mitte dar, der wie die Instrumente am Sepik zwei Töne produziert. Die Saite wurde jedoch an einem Ende in den Mund genommen und der Mundbogen lÀngs vom Körper nach vorn gehalten. Die Saite aus einer Pflanzenfaser wird in einer Endlosschlaufe um die Enden geschlungen und ist damit eigentlich doppelt vorhanden. Der Mundbogen ist 40 bis 70 Zentimeter lang und wurde mit einem StÀbchen geschlagen.cite-ref-38[38]

In Taiwan spielen oder spielten die zu den indigenen Völkern zĂ€hlenden Amis, Bunun, Puyuma, Thao und Tsou Mundbögen.cite-ref-39[39] Möglicherweise haben sich in prĂ€historischer Zeit einige Musikinstrumente aus dem sĂŒdchinesischen Raum ĂŒber die sĂŒdostasiatischen und pazifischen Inseln verbreitet und können als Beleg fĂŒr die austronesische Expansion dienen. Zu diesen Musikinstrumenten zĂ€hlen idiochorde Röhrenzithern, geschlagene Bambusidiophone, Flöten und Trommeln. Das in abgelegenen Bergregionen Luzons im Norden der Philippinen lebende Volk der Dumagat zupft noch gelegentlich mit dem Finger einen einfachen Jagdbogen, der mit einer an die Brust gehaltenen Blechdose verstĂ€rkt wird. In Ozeanien kommen ansonsten keine Musikbögen mit Resonatoren vor. Einzige Ausnahme ist ein großer Musikbogen auf der zu den Marianen gehörenden Insel Guam, der mit einem Stöckchen geschlagen wird und als Beleg fĂŒr die Besiedlung der Marianen aus Richtung der nördlichen Philippinen dient.cite-ref-40[40]

In Polynesien ist der Mundbogen Ê»ukēkē am bekanntesten, er gilt als das einzige einheimische Saiteninstrument auf Hawaii. Der Ê»Ć«kēkē (auch der Name von Maultrommeln) besteht aus einem 40 bis 60 Zentimeter langen, an der Oberseite flachen und an der Unterseite leicht gewölbten Brettchen, das mit zwei oder drei Saiten aus Kokosfasern (spĂ€ter aus Pferdehaar oder Darm) bespannt ist. Die Saiten werden mit den Fingern oder einem Plektrum aus einer Blattrippe gezupft.cite-ref-41[41] Auf den Marquesas heißt der 100 bis 130 Zentimeter lange einsaitige Mundbogen utete. Er wird ĂŒberwiegend von Frauen und fĂŒr Liebeslieder verwendet. Ein anderer ebenfalls bis heute gebrauchter Name fĂŒr Mundbogen (und Maultrommel) ist tita ’apu (titapu).cite-ref-42[42]

Ostasien und SĂŒdostasien

Bei den Drachenbögen in Ost- und SĂŒdostasien versetzt eine Luftströmung eine Saite in Schwingungen nach dem Prinzip des angeblasenen sĂŒdafrikanischen Musikbogens gora. Instrumente mit mehreren, vom Wind bewegten Saiten werden als Aeolsharfe seit der Antike in der Dichtung gerĂŒhmt. Der japanische unaricite-ref-43[43] besteht aus einem langen dĂŒnnen Bambusstab, an dessen Enden ein breites dĂŒnnes Band aus einer Pflanzenfaser oder Kunststoff eingelegt wird. In Japan wird eine Sehne aus dem Holz der Glyzinie verwendet. Das Saitenband muss parallel zum Stab orientiert sein, wenn es gleichmĂ€ĂŸig vom Wind angegriffen werden und einen hell klingenden Summton produzieren soll. Japaner lassen den Drachenbogen an einem großen hakkaku-Flugdrachen befestigt in die Luft steigen. Das chinesische GegenstĂŒck ist die „Windharfe“ feng-cheng, die spĂ€testens seit der Tang-Dynastie (7. bis 9. Jahrhundert) hergestellt wird.

An indonesischen Drachen lĂ€sst man einen mit einem Rattanband bespannten Bogen, der guwangancite-ref-44[44] genannt wird, in die Luft steigen. Bei zwei guwangan an einem Drachen produziert der eine einen „mĂ€nnlichen“, der andere einen „weiblichen“ Summton. Gemeinsam bringen sie GlĂŒck und vertreiben die bösen Geister.cite-ref-45[45]

Èk ist ein Namensbestandteil kambodschanischer Musikinstrumente und bezeichnet im Besonderen den Musikbogen, khlĂ©n lautet das Wort fĂŒr „Flugdrachen“. Der khlĂ©n Ăšk ist ein aufwendig gestalteter bunter Drachen. An seiner Spitze ist quer ein Musikbogen befestigt, dessen Saite bei Wind in Rotation versetzt wird.cite-ref-46[46]

1972 fand Laurence Picken in einem Dorf in der nordostthailĂ€ndischen Isan-Region einen Drachenmusikbogen, bei dem das Saitenband nicht im Wind flattert, sondern rotiert. Der Bogen (thailĂ€ndisch sanu, von Sanskrit dhanu) besteht aus einem knapp einen Meter langen Bambusstreifen, der leicht durch die Saitenspannung gekrĂŒmmt wird. Die Saite ist dreigeteilt. Der schmale mittlere Streifen aus dem Blatt einer Zuckerpalme ist an beiden Enden mit kĂŒrzeren dĂŒnnen SeidenfĂ€den verbunden. Im Wind dreht sich der Streifen solange um die eigene Achse, bis die in den SeidenfĂ€den gespeicherte Energie ausreicht, um eine umgekehrte Drehbewegung zu veranlassen.cite-ref-47[47]

Von den japanischen Langbögen (japanisch yumi) leitet sich ein anderer Typ eines Musikbogens in Japan her: der als Hilfsmittel bei Shintƍ-Ritualen eingesetzte azusa yumi. Sein Name bezieht sich auf das fĂŒr den Stab meistens verwendete Holz des Trompetenbaums (Catalpa, japanisch azusa). Hergestellt wird dieser Musikbogen auf die seit prĂ€historischer Zeit bekannte Methode, indem ein geeigneter gerader Zweig von seiner Rinde befreit und gleich im Wald mit einer Sehne bespannt wird. Der maruki yumi genannte einfache Bogen war in der Yayoi-Zeit (5. Jahrhundert v. Chr. – 3. Jahrhundert n. Chr.) ĂŒber zwei Meter lang und wurde noch in der Nara-Zeit im 8. Jahrhundert gebraucht.cite-ref-48[48] Bei den Geisterbeschwörungsritualen in der Region Tƍhoku legen blinde Schamaninnen (itako) den azusa yumi zur ResonanzverstĂ€rkung mittig auf einen kleinen Holzkasten und schlagen die waagrechte Saite mit einem Stöckchen. Der als Waffe und zugleich Klangerzeuger verwendbare Bogen besitzt fĂŒr die japanischen Schamaninnen seit alter Zeit eine besondere magisch-spirituelle Bedeutung, denn historischen Quellen zufolge soll der Bogen auch mit magischen Absichten auf Ziele gerichtet worden sein. In der Heian-Zeit (794–1192) zupfte die Palastwache die Bogensaite als Abwehrzauber gegen böse Geister bei der Geburt eines königlichen Nachwuchses oder wenn der Herrscher erkrankt war. Aus der Kamakura-Zeit (1183–1333) ist ĂŒberliefert, dass eine Ă€ltere Schamanin (mikanko) einen Bogen (meigen, „singende Saite“) mit der linken Hand an ein Resonanzbrett hielt und die Saite mit einem Stöckchen in der rechten Hand schlug, um Geister herbeizurufen.cite-ref-49[49]

SĂŒdasien

Das gelegentlich als Bogenharfe und – neben der burmesischen saung gauk und der indischen bin-baja – als letztes Überbleibsel der altindischen Harfen angesprochene vier- oder fĂŒnfsaitige Instrument wajicite-ref-50[50] aus der nordostafghanischen Provinz Nuristan sollte eher als mehrsaitiger Musikbogen bezeichnet werden. Entwicklungsgeschichtlich stellt die waji ein einzigartiges Bindeglied zwischen Musikbogen und Harfe dar. Der asymmetrische Bogenstab ruht senkrecht auf einem lĂ€nglichen Resonanzkörper, durch dessen Hautbespannung er am Auflagepunkt durchgesteckt ist. Die Saiten sind einzeln gespannt. Sie werden alle zugleich mit einem Plektrum in schneller Auf- und AbwĂ€rtsbewegung gestrichen, wĂ€hrend mit den Fingern der linken Hand Saiten, die nicht hörbar sein sollen, gedĂ€mpft werdencite-ref-51[51] Dieselbe Spieltechnik, mit der dem Saitenton ein SchnarrgerĂ€usch hinzugefĂŒgt wird, gab es bei antiken Leiern, bei heutigen arabischen Leiern wie der simsimiyya ist sie ebenfalls ĂŒblich.

Siddis heißen die Nachfahren schwarzafrikanischer Sklaven, die im Mittelalter von arabischen HĂ€ndlern als Arbeiter nach Indien gebracht wurden, wo sie schwerpunktmĂ€ĂŸig in den Bundesstaaten Gujarat und Karnataka leben. Das deutlichste Zeichen ihrer afrikanischen Herkunft ist der fast mannshohe Musikbogen malunga, an dessen außermittig angebrachter Stimmschlinge eine große Kalebasse befestigt ist.cite-ref-52[52] Bei rituellen Tanzveranstaltungen treten die Siddis in Röcken und mit federgeschmĂŒcktem Kopfputz auf und spielen neben dem Musikbogen die kleine Trommel dhamal, die große Trommel madido, die der afrikanischen ngoma Ă€hnliche Trommel mugarman, die Kokosnussrassel Mai Mishra (der Name einer weiblichen Schutzheiligen) und die Naturtrompete nafir (entspricht in ihrer Funktion der afrikanischen kakaki).cite-ref-53[53]

In einigen Nischen der dörflichen Kultur hat sich eine indische Musikbogentradition erhalten. Ein seltener Musikbogen im zentralen Osten von Indien wird im abgelegenen HĂŒgelgebiet Dandakaranya gespielt, das im SĂŒden des Bundesstaates Chhattisgarh und im Westen von Odisha liegt. Die dort lebenden Adivasi haben eine reiche eigene kulturelle Tradition ĂŒberliefert. Hierzu gehört im Distrikt Bastar ein Jagdbogen, der mit dem Namen dhankul (auch dhankul dandi, „Bogen-Tontopf Stab“) als Musikbogen verwendet wird. Der dhankul ist bis zu zwei Meter lang; er wird ĂŒber einen am Boden stehenden Tontopf gelegt, der als Resonator fungiert. Frauen zupfen die Saite mit der linken Hand, wĂ€hrend sie mit einem BambusstĂŒck in der rechten Hand ĂŒber die in der Mitte des Bogens geriffelte Kante streichen und ihn damit zugleich als Schrapinstrument verwenden. Der dhankul dient den SĂ€ngerinnen zur rhythmischen Begleitung der epischen Dichtung Tija Jagar, die rituell etwa zehn Tage lang wĂ€hrend der Regenzeit im August/September aufgefĂŒhrt wird. Die singenden und den Musikbogen spielenden Frauen werden gurumai genannt (in Indien Dorfpriesterinnen, organisieren Pujas). MĂ€nner können an den Veranstaltungen teilnehmen, sie bleiben jedoch in der Minderzahl. Die gesungene Volksdichtung ist in Indien ansonsten ĂŒberwiegend eine Angelegenheit der MĂ€nner, deren Themen Krieg, Eroberung und Tod beinhalten.cite-ref-55[55]

Die ErzĂ€hltradition Villu Pattu (auch Villuppattu, „Bogen-Lied“) entwickelte sich in Tamil Nadu im 15. Jahrhundert. Im Zentrum dieser traditionell von MĂ€nnern gesungenen Volkslieder steht der 2 bis 2,5 Meter lange Musikbogen villadi vadyam, der zur SchallverstĂ€rkung mit dem BogenrĂŒcken ĂŒber einen großen Tontopf (ghatam oder kudam) gelegt wird. Die Musikgruppe besteht aus sieben oder acht Mitgliedern, die heute hauptsĂ€chlich bei Tempelfesten auftreten. Der VorsĂ€nger hĂ€lt auf dem Boden sitzend den Bogen und trĂ€gt in Balladenform mythologische Themen aus dem Mahabharata, Ramayana oder den Puranas vor. Bis zu fĂŒnf Begleiter schlagen den Rhythmus mit Stöckchen auf die Saite und den Tontopf, andere spielen die zweifellige Sanduhrtrommel udukkai, die hölzernen Klappern daru talam oder kattai und die kleinen Zimbeln talam oder jalra. Dazu wiederholen sie den Refrain im Chorgesang und treten gestenreich in eine Beziehung zum Publikum, das ĂŒber mehrere Stunden unterhalten werden soll.cite-ref-56[56]

SĂŒdamerika

Vor der Eroberung durch die Spanier und Portugiesen Anfang des 16. Jahrhunderts gab es in Mexiko und SĂŒdamerika keine Saiteninstrumente mit der möglichen Ausnahme einiger weniger Mundbögen. In den Maya-Codices, Bilderhandschriften, die ĂŒber das Leben der mittelamerikanischen Mayas aus vorkolonialer Zeit berichten, finden sich keine Musikbögen. Um 1900 gab es Stimmen wie die des Ethnologen Otis T. Mason (1830–1908), die grundsĂ€tzlich ausschlossen, dass es ĂŒberhaupt vorkolumbianische Saiteninstrumente auf dem Kontinent gegeben habe.cite-ref-57[57] Dagegen Ă€ußerte zur selben Zeit der ArchĂ€ologe Marshall H. Saville (1867–1935) die Ansicht, dass die ebenfalls vorkoloniale aztekische Handschrift Manuscrit du Cacique die Abbildung eines Musikbogens enthalte. Das aus 16 Hirschhaut-BlĂ€ttern bestehende Manuskript heißt auch Codex Becker nach Philipp J. Becker († 1896), der es nach Deutschland brachte. Die umstrittene Abbildung zeigt sechs Figuren, zwei von ihnen schlagen Trommeln, einer hĂ€lt eine Rassel und zwei blasen Trompeten. In der letzten Figur sah Saville einen Musikbogenspieler.cite-ref-58[58] Saville stellte nicht die Frage nach dem Anlass fĂŒr die Abbildung und wen die nun in Fachkreisen zu Prominenz gelangte „vorcortĂ©sianische Musikgruppe“ hĂ€tte darstellen sollen. Der Herausgeber einer neuen Faksimile-Edition 1961, Karl A. Nowotny, fasste den Forschungsstand zusammen, wonach die Abbildungen Szenen aus der Mitte des 11. Jahrhunderts beinhalten und einer der Musiker den in mixtekischen Annalen auftauchenden königlichen David, genannt „Tigerkralle“ darstellt. Heute herrscht die Ansicht vor, dass die eroberten Völker Mittelamerikas keine Saiteninstrumente besaßen.cite-ref-59[59]

Der afrikanische Kultureinfluss begann um die Mitte des 16. Jahrhunderts an den Orten der europĂ€ischen Kolonisierung. Beschreibungen und Abbildungen von Musikbögen vor dieser Zeit liegen auch von anderen Regionen nicht vor. Aussagen ĂŒber die Vorgeschichte etwa eines Mundbogens, der 1829 bei den Huaorani im ecuadorianischen Amazonasbecken gesehen wurde, sind daher nicht zu treffen.cite-ref-60[60] Einem von Indianern gespielten Kalebassen-Musikbogen, der in Nicaragua und Costa Rica als quijongo und in El Salvador, Honduras und Guatemala als caramba (carimba) bekannt ist, wird ein afrikanischercite-ref-61[61] oder indianischercite-ref-62[62] Ursprung zugesprochen.

Der Kalebassen-Musikbogen im Nordosten Brasiliens heißt berimbau, weniger bekannt ist der uruncungu im SĂŒden des Landes. Beide brasilianische Musikbögen sind ein Produkt der afro-amerikanischen Kultur und haben ihre Wurzeln in Zentralafrika. Erstmals beschrieben wurde der berimbau 1817. Der Kalebassenresonator ist am Ă€ußersten Ende des 1,5 Meter langen Bogenstabes mittels der Stimmschlinge befestigt. Seine Öffnung wird Ă€hnlich wie bei den Instrumenten im sĂŒdlichen Afrika vor den Bauch gehalten und so im Abstand verĂ€ndert, dass sich ein periodisch verĂ€nderter Klang ergibt. Mit einer oberhalb der Stimmschlinge an die Saite gehaltenen MĂŒnze wird deren LĂ€nge verĂ€ndert und ein zweiter Fundamentalton erzeugt.cite-ref-63[63]

Neben Musikbögen bei afrikanischstĂ€mmigen Bevölkerungsgruppen gibt es in Brasilien auch Mundbögen, die von Indianern gespielt werden. Der von den KainguĂĄ (eine GuaranĂ­-Sprache) in Brasilien und in Paraguay hergestellte Musikbogen gualambo (gualambau) ist 180 Zentimeter lang und wird mit einem Stab gerieben, ebenso der von den AshĂĄninka gespielte kleinere Bogen piom pirintzi. In Bolivien wird zum Spiel des zweisaitigen Mundbogens mapuip ein mit Speichel befeuchtetes StĂ€bchen schnell zwischen beiden Saiten hin- und hergestrichen. Die Mapuche in Chile und Argentinien verwendeten frĂŒher zum Streichen der Saite beim kunkullkawe (cunculcahue) einen zweiten Bogen. Beide Teile dieses Instruments hingen miteinander zusammen, weil die Saiten ineinander verliefen.cite-ref-64[64] Anfang des 19. Jahrhunderts begannen die Mapuche aufgrund von afrikanischen EinflĂŒssen, hierfĂŒr zwei gekrĂŒmmte Pferde- oder Rinderrippen mit Rosshaar zu bespannen. Die Haare dieser sehr einfachen Musikbögen wurden vor dem Spiel mit Holzkohle eingerieben.cite-ref-65[65]

Im 19. Jahrhundert erwĂ€hnten einige Reisende die Musizierpraxis der Einheimischen in Patagonien. Unter ihnen war der britische KapitĂ€n George Chaworth Musters (1841–1879), dessen Bericht 1873 in deutscher Übersetzung erschien. Musters beschreibt eine Knochenflöte mit mehreren Fingerlöchern, die bei einem Festmahl geblasen und zeitweilig auch mit einem einfachen Rosshaarbogen gestrichen wurde.cite-ref-66[66] Damit wĂ€re aus der Flöte ein Reibidiophon geworden. Bei der umgekehrten Darstellung des argentinischen Geographen Perito Moreno (1852–1919), die 1879 erschien,cite-ref-67[67] heißt es „...er beschĂ€ftigte sich mit dem Cooll’à, dem Musikinstrumente der Tehuelche, strich mit einem hohlen Kondorknochen die Saiten dieser primitiven Violine und begleitete die Ă€rmliche Weise, die er dem einfachen Instrumente entlockte, mit einer Art Gesang,...“ handelt es sich nunmehr um einen Musikbogen, dessen Saite mit einem Knochen gestrichen wird und der offenbar ohne ResonanzverstĂ€rkung gebraucht wird.cite-ref-68[68] Der argentinische PalĂ€ontologe Florentino Ameghino (1853–1911) Ă€ußert sich 1880cite-ref-69[69] zum Instrumententyp unentschieden: „...zwei Kondorknochen, sehr gut poliert mit mehreren Löchern, wonach zu urteilen es eine Art primitiver Flöten oder Violinen waren, wie sie noch jetzt die heutigen Tehuelche gebrauchen; die OberflĂ€che ist mit einer großen Zahl unverstĂ€ndlicher Zeichen bedeckt, gebildet aus klein punktierten Linien in verschiedenen Kombinationen.“ Dass es sich um einen Mundbogen handelte, geht aus einem Bericht des italienischen Geographen Giovanni Roncagli (1857–1929) hervor,cite-ref-70[70] der ĂŒber das zur Liedbegleitung verwendete „besondere Instrument“ schreibt: „...dies besteht aus zwei StĂŒcken, einem kleinen mit Pferdeschweifhaaren gespannten Holzbogen und einer geglĂ€tteten Straußtibia. Den Bogen stĂŒtzen sie gegen die geschlossene Zahnreihe und legen die vier ausgestreckten Finger der linken Hand auf die Sehne, dann lassen sie den mit Speichel befeuchteten Knochen auf den Pferdehaaren hin- und hergleiten und erhalten einen zitternden Ton, der seine Höhe wechselt, je nachdem ein, zwei oder alle Finger von der Saite aufgehoben werden.“ Der Ton des Mundbogens war demnach sehr leise.cite-ref-71[71] Weitere Forscher bestĂ€tigten Ende des 19. Jahrhunderts, bei den Tehuelche einen kleinen Mundbogen namens koh’lo (colo, kooll’a, cooll’à) in der Tehuelche-Sprache gesehen und seinen feinen leisen Ton gehört zu haben. Um 1900 war Robert Lehmann-Nitsche (1908) zufolge der „patagonische Musikbogen“ neben einer bereits verschwundenen Rassel und der von Musters (1870) noch vorgefundenen Trommel das einzige Musikinstrument der Tehuelche. Er vermutet, dass die Tehuelche den Musikbogen von den Mapuche ĂŒbernahmen.cite-ref-72[72]

Im Dorf San Basilio de Palenque, eine von afrikanischen Sklaven gegrĂŒndete Siedlung im Norden von Kolumbien, machte der Musikethnologe George List 1964 Tonaufnahmen vom letzten noch aktiven Mundbogenspieler. Der Mundbogen wurde marimba genannt, was offensichtlich eine Bezeichnung fĂŒr alle Melodieinstrumente war, die nicht zu den Blasinstrumenten gehören. FrĂŒher spielte dieser Mann den Mundbogen bevorzugt in einem Ensemble zusammen mit zwei unterschiedlich großen Kistentrommeln (tambor und cajĂłn), einem Reibestab (guacharaca) und einer Bambusrassel (guacho).cite-ref-73[73]

Sehr selten kommen auf dem sĂŒdamerikanischen Kontinent mehrsaitige Musikbögen vor, die als Pluriarc oder Bogenlaute klassifiziert werden. Ein Beispiel ist der agwado (auch agbado), dessen drei Saiten an dĂŒnnen gebogenen Zweigen befestigt sind, die lĂ€ngs durch einen großen FlaschenkĂŒrbis gefĂŒhrt werden. Die wĂ€hrend der niederlĂ€ndischen Kolonialzeit politisch autonom und kulturell abgeschottet lebenden Aluku, einer zu den Maroons gehörenden Volksgruppe, haben viele Traditionen ihrer schwarzafrikanischen Herkunft bewahrt. Der agwado wird zur Begleitung von Solo-GesĂ€ngen eingesetzt, hĂ€ufig werden in den Liedern besitzergreifende Gottheiten angesprochen. Weitere, auf afrikanische EinflĂŒsse zurĂŒckgehende Pluriarcs sind nur aus Brasilien bekannt.cite-ref-74[74]

Mittelamerika

Aus Mittelamerika finden sich weitere Musikbögen in einem Katalog der Crosby Brown Collection des Metropolitan Museum of Art von 1914. In Costa Rica und Nicaragua gab es demnach einen etwa 1,80 Meter langen Musikbogen aus Palmenholz, der mit einer Drahtsaite bespannt war. In der Mitte besaß dieser quijonga eine Stimmschlinge mit Kalebasse, die mit Liniengravuren verziert war. Der Spieler schlug die Saite mit einem Stab in der rechten Hand, wĂ€hrend er mit der linken Hand zur Klanggestaltung die Kalebassenöffnung abdeckte. Ein kleiner mexikanischer Musikbogen, der sam-po-ua hieß, bestand aus einer FischgrĂ€te. Das eine Ende des Instruments wurde in den Mund genommen, am anderen Ende gehalten und die Saite mit einer zweiten GrĂ€te geschlagen. Die Mayas benutzten den kleinen, aus einem Rebstock gefertigten und mit einem Stab angeschlagenen Mundbogen jul.cite-ref-75[75] In Honduras und Guatemala heißt der Musikbogen zambumbia (oder sambumbia, auch der Name einer Reibtrommel). Der marimbachĂ© der KekchĂ­ in Guatemala ist bis zu 2 Meter lang. Weitere Namen fĂŒr Musikbögen sind caramba und arpachĂ©.cite-ref-76[76]

Nordamerika

In Nordamerika kam der Mundbogen bei einzelnen Indianervölkern vor allem in Kalifornien vor: bei den Karok, Maidu, Yokuts und Yurok. Auch die Tlingit und die Dakelh an der WestkĂŒste Kanadas kannten Mundbögen. Die Maidu kannten den ma’wu-Mundbogen als Instrument der Schamanen, die Yurok spielten reine Musikbögen, die nicht zugleich fĂŒr die Jagd gebraucht wurden.cite-ref-77[77] Abgesehen von der „Apachen-Fiedel“ tsli’edo’a’tl (oder ki’zh ki’zh di’hi), einer Röhrenzither aus einer an beiden Enden geschlossenen und mit einer Rosshaarsaite bespannten Pflanzenröhre, war der ma’wu (ma’wo) das einzige voreuropĂ€ische Saiteninstrument der Vereinigten Staaten. Es gab mit LĂ€ngen zwischen 90 und 200 Zentimetern unterschiedliche Formen von Mundbögen, einfache Mundbögen und solche mit einem Steg in der Mitte. Die Mundbögen der Yokuts besaßen einen Stimmwirbel.cite-ref-78[78]

Der Mundbogen der Maidu bestand aus einem rund 75 Zentimeter langen Zedernast, der um 1900 mit einer Stahlseite und in frĂŒheren Zeiten mit einer Darmsaite bespannt war. Die Spielweise des ma’wu war wie bei den anderen Mundbögen. Er wurde mit der linken Hand in der Mitte gegriffen und schrĂ€g ĂŒber die linke Schulter gehalten. Das rechte Ende des Bogenstabs wurde in den Mund genommen und die Saite mit einem dĂŒnnen Stab in der rechten Hand angeschlagen. Der Schamanen-Mundbogen der Maidu, den Roland Burrage Dixon (1901) kawotöne panda nennt, galt als heilig und durfte außer von den Zeremonienmeistern kaum von anderen Menschen gesehen werden.cite-ref-79[79]

Die amerikanische SĂ€ngerin indianischer Herkunft Buffy Sainte-Marie spielte in den 1960er und 1970er Jahren in mehreren Liedern auf einem einsaitigen Mundbogen.cite-ref-80[80]

Einen besonderen Verbreitungsschwerpunkt fĂŒr Mundbögen mit afrikanischen Wurzeln bilden europĂ€ische Siedlergemeinschaften, die sich im ostkanadischen Bergland der Appalachen niedergelassen haben. Teile der englischsprachigen Siedler zogen Ende des 18. Jahrhunderts nach der EinfĂŒhrung von Baumwolle nicht in den Westen der USA, sondern begannen in den 1790er Jahren zusammen mit schwarzafrikanischen Sklaven westlich der Appalachen große Baumwollfelder anzulegen. In dieser Bergwelt und auf dem weiter sĂŒdlich gelegenen Ozark-Plateau hat sich dank der kulturellen Abgeschiedenheit die afrikanische Tradition des Mundbogenspiels unter den Nachfahren der Siedler als Teil der Old-Time Music erhalten.cite-ref-81[81] Eine fotografisch dokumentierte Tonaufnahme von Alan Lomax 1959 in Arkansas zeigt einen Mundbogenspieler, der die konvexe Seite des Bogenstabes direkt an einem Ende an den Mund hĂ€lt und die Saite mit einem StĂ€bchen schlĂ€gt. Ähnliche Spielweisen wurden in den Appalachen dokumentiert. Gerhard Kubik fĂŒhrt diese Technik auf einen Einfluss aus dem zentralen und sĂŒdlichen Mosambik zurĂŒckfĂŒhrt, wo die beiden Mundbögen nyakatangali und chipendani verbreitet sind. Aus Mosambik und Angola stammende Sklaven brachten demnach Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Musiktraditionen zu den Siedlern.cite-ref-82[82]

Europa

Ab dem 17. Jahrhundert war in Europa der gestrichene Musikbogen Bumbass (englisch bladder and string) bei wandernden VolksmusiksĂ€ngern beliebt. An einem Ende des leicht gekrĂŒmmten Stabes war eine mit Luft gefĂŒllte Tierblase zwischen Holz und Saite eingeklemmt. Der Hauptverwendungszweck war wohl die laute rhythmische Untermalung des Gesangs, denn durch die elastische Blase war die Saitenspannung verĂ€nderlich, sodass kein Ton in definierter Höhe hervorkommen konnte. Das Instrument wurde in unterschiedlichen Bauformen in Frankreich, den Niederlanden, Deutschland, England, Sardinien und Polen bis ins 19. Jahrhundert gespielt. Eine Abbildung in einem deutschen Warenkatalog aus den 1890er Jahren zeigt einen langen, mit Glocken und Zimbeln behĂ€ngten Holzstab.cite-ref-83[83] Mit buntem klapperndem Beiwerk ĂŒberladen, aber ohne Tierblase kommt das Instrument heute unter dem Namen Teufelsgeige bei FastnachtsumzĂŒgen und Ă€hnlichen AnlĂ€ssen zum Einsatz. Außer mit einem Bogen ĂŒber die Saite zu streichen, kann die Teufelsgeige krĂ€ftig auf dem Boden aufgeschlagen oder mit einem Schrapstab ĂŒber den geriffelten Stiel reibend zur LĂ€rmerzeugung angeregt werden.

Literatur

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Weblinks

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Einzelnachweise

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